//Politkolumne der Woche
Reflektieren über Rassismus

Seit dem 25. Mai ging ein Aufschrei durch die Medien, erneut wurde in den USA auf offener Straße am helllichten Tage ein Schwarzer Mann von der Polizei um sein Leben gebracht, ohne das er etwas getan hat – einfach auf Grund seiner Hautfarbe. Stimmen werden laut, das Video verbreitet sich. In den Sozialen Netzwerken wird sich klar von Rassismus distanziert, erneut wird eine Debatte angestoßen, die es eigentlich seit Jahrhunderten nicht mehr geben sollen müsste. Es wird Gerechtigkeit gefordert, Hashtags wie #saymyname; #blacklifesmatter; #justiceforgeorgefloyd; #antiracist gehen um die Welt; und Künstler*innen sowie Personen des öffentlichen Lebens legen unter dem Motto #theshowmustbepaused und #blackouttuesday einen Tag lang ihren alltäglichen Content zur Seite, um zu reflektieren. Ganz nebenbei, könnte man* aus europäischer Sicht (wo ich mich befinde) zynisch behaupten, brennen in den USA, vor Allem in Minneapolis, New York und Los Angeles, die Straßen. Menschen liefern sich wilde Schlachten mit Polizei und Nationalgarde, Donald Trump will die „Antifa“ als terroristische Organisation einstufen und bei all der Kritik an den, meiner Meinung nach, generell legitimen Protestformen, die hier zum Ausdruck kommen, beginnt das eigentliche Kernproblem, um das es hier geht, im Hintergrund zu verschwimmen. Ein System, welches generell auf Rassismus fußt, wird durch Kritik an brennenden Mülltonnen verschleiert und in Schutz genommen.

Doch was wird sich wohl verändern, wenn Proteste verboten werden oder verstummen? Muss erst wieder ein Leben in Öffentlichkeit von Staatsdienern genommen werden um darauf aufmerksam zu machen, was alles schief läuft in den Systemen der Welt? Tagtäglich sind Menschen mit nicht-Weißer Hautfarbe von Rassismus im Alltag, von Institutionen und all ihren Weißen Mitmenschen umgeben und davon betroffen – muss erst wieder jemand sterben, damit wir darüber sprechen wie dieses Problem verändert werden kann? Du sitzt jetzt vielleicht zuhause, genau wie ich; und bist betroffen oder empört oder traurig oder sauer, genau wie ich; du fragst dich was du denn tun kannst, wo es doch in den USA zur Sache geht und nicht in Leipzig, genau wie ich vor einigen Tagen. Und hoffentlich beginnt dann bei dir das Gleiche, was auch bei mir (erneut) begann: du fängst an dich zu informieren, du fängst an zuzuhören, du reflektierst dein eigenes Verhalten, genau wie ich.

Ich zähle mich durchaus zu einer Gruppe von gut und umfangreich informierten und vor Allem politisierten jungen Menschen, mit einem Gespür für Ungerechtigkeiten und Diskriminierung. Mir ist klar, dass gewisse Dinge einfach nicht cool sind und als rassistisch tituliert gehören. Doch ich glaube bei einer Umfrage, was Menschen von Sklaverei halten, würden alle antworten : „Nein um Himmels Willen, dass ist menschenunwürdig und darf sich keinesfalls wiederholen“. Wir betrachten uns wohl alle als tolerant und weltoffen und wenn jemand* zu einer unseren Aussagen sagt „Ey, dass war aber schon rassistisch!“ nehmen wir uns raus zu sagen: „so war es doch nicht gemeint“. Wir debattieren über Rassismus, als wären wir selbst davon betroffen – und das, obwohl wir mit unserer zufälligen und doch so immens privilegierten Weißen Hautfarbe überhaupt keine Ahnung haben was das eigentlich bedeutet.

Immer wieder wird gesagt, nur nicht selbst rassistisch zu handeln würde nicht reichen, wir müssten „Anti-Rassistisch“ handeln und denken. Doch wo fängt man* damit eigentlich an? Sätze wie „ich sehe keine Unterschiede in den Menschen“ oder „für mich sind alle Menschen gleich“ finde ich anmaßend, denn sie machen das Problem in keinster Weise besser, sie ignorieren es und nehmen einem die persönliche Verantwortung ab. Die Aktivistin und Autorin von „Exit Racism“, Tupoka Ogette beschreibt diesen Zustand des Seins sehr treffend mit „Happyland“. Wir leben in unserer kleinen, hauptsächlich Weißen, heilen Welt; meinen wir seien tolerant und weltoffen, gehen aber an die Decke wenn uns jemand* unterstellt wir seien dies nicht. Unsere Weißen Privilegien werden von uns durch die „white fragility“, also die Weiße Zerbrechlichkeit, überdeckt. Privilegien wollen beschützt werden, es entsteht Weiße Solidarität und die hauptsächlichste Konsequenz daraus ist, dass die Person ermahnt oder gar eingeschüchtert wird, die unseren Rassismus benennt und kritisiert.

Eigentlich grotesk. Ich glaube an diesem Punkt werden die Meinungen nun stark auseinander gehen. Einige werden mir vielleicht zustimmen, Andere sind empört und wieder Andere hören vielleicht an dieser Stelle auf zu lesen. Doch worauf möchte ich denn damit hinaus?
Nun, es gibt genug Menschen, vor Allem people of color (POC), die dies erleben, benennen, untersucht und analysiert haben. Es gibt nur noch nicht genug, die sich dem annehmen und daraus lernen.

Tupoka Ogette beschreibt in ihrem Buch 5 Stufen von Rassismuserkennung, die dabei helfen können aus Happyland zu entkommen, einen Umgang mit dem eigenen Rassismus zu finden und tatsächlich so zu handeln und zu leben, wie man* bereits von sich denkt es zu tun.

Stufe 1 – die Empörung: Du bist definitiv kein Rassist, Rassismus existiert für dich, und auch im Generellen heutzutage, nicht mehr und bestenfalls sollten dich POC auch regelmäßig darin bekräftigen und dir applaudieren, dass du so toll bist. Außerdem wird Rassismus erst dann zum Problem, wenn man* darüber spricht.

Stufe 2 – die Abwehr: Rassismus scheint doch zu existieren, du wurdest zumindest darauf hingewiesen, dich scheinbar teilweise so zu verhalten, aber am Ende sind nicht-Weiße Personen sowieso viel zu befangen und emotional von ihrer Hautfarbe betroffen, was wissen die schon. Vergessen sollte man* ja auch nicht, wie du des Öfteren mal diskriminiert wurdest und was es sonst noch so Uncooles gibt. Deine Ablehnung von Rassismus muss reichen.

Stufe 3 – die Scham: Langsam ist angekommen, dass es nicht darum geht verschiedene Diskriminierungen gegeneinander auszuspielen und es vor Allem nicht um dich geht in dieser Situation. Du schämst dich dafür, nicht aufmerksam genug für alltäglich rassistische Dinge zu sein, bzw. nicht immer alles mitzubekommen. Vielleicht ist dir auch deine eigene Hautfarbe mitunter etwas unangenehm.

Stufe 4 – die Schuld: Du fühlst dich schuldig, für Momente in denen du blind oder ignorant warst, in denen du rassistisch gehandelt hast, du fühlst dich schuldig dafür Weiß zu sein.

Stufe 5 – die Anerkennung: Rassismus ist echt. Du verstehst, dass du in einer rassistischen Welt aufgewachsen und sozialisiert worden bist. Du kannst das rassistische System erkennen und auch deine eigene Position darin, du hast gecheckt wie Rassismus funktioniert. Du hast verstanden, dass Rassismus die Norm und nicht die Ausnahme darstellt.

Ich bin Teil genau dieser Stufen und dieses Systems. Es ist kein bloßes hinauf laufen, es ist ein stetiges Treppensteigen und immer wieder, wird ein Moment kommen, indem ich eine oder alle Stufen individuell herunter falle und wieder hoch muss. Doch wenn ich das nicht verstehe, und das als Ausrede verwende um mich darauf auszuruhen und in Happyland zu verweilen, dann wird es noch unzählige George Floyds, Mahmud Azhars, Breonna Taylors, Andrzej Fratczaks, … geben.

Rassismus muss als solches System dekonstruiert werden, wir müssen lernen und wir können verändern. Dieses Denken wurde uns in die Wiege gelegt, aber wir können uns aktiv dagegen wehren.

Ich muss zuhören, ich muss lernen, ich muss meine Privilegien erkennen und nutzen und ich muss verstehen, dass ich nie zu 100 % verstehen werde, wie es ist nicht-Weiß zu sein.
Und das habe ich zu respektieren!

– Saerra

Um euch zu informieren, kann ich euch sehr das Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette empfehlen, hier könnt ihr es euch auch anhören.

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