Polit-Kolumne der Woche
002// Aluhüte und die Pandemie

Wir leben in wilden Zeiten.

Als zu Silvester 2019 die Neujahrsvorsätze gepredigt wurden, waren sicher die üblichen Dinge wie: mehr Sport, weniger Stress, gesündere Ernährung und etliche andere Glückskeks-Floskeln dabei. Dass man* selbst Masken nähen lernen möchte, oder lernt mehr Zeit mit sich selbst zu verbringen, davon war vermutlich eher nicht die Rede – geschweige denn von einer weltweiten Virusinfektion, die zu monatelanger Stagnation breiter Bereiche der Gesellschaft führt.

Es gibt zahlreiche Debatten und Theorien zu Covid-19, Forscher*innen arbeiten unentwegt an Heilung und Gegenmitteln, Virologen Podcasts wurden plötzlich zum neuen Chartstürmer. Keine Frage, die Themen und Stimmen zu dieser Pandemie sind facettenreich. Doch eine Facette interessiert nun hier besonders : wie Verschwörungstheorien und ein Corona Virus zusammenwirken.

Ende 2019 brach Covid-19 in Wuhan aus, seit Januar 2020 verteilte es sich schließlich weltweit und auch in Deutschland traten die ersten bestätigten Infektionsfälle auf. Zum jetzigen Stand (12.06.2020// 17 Uhr) wurden weltweit ca. 7.273.958 Fälle bestätigt und es wurden ca. 413.372 Todesfälle gezählt. Seit April diesen Jahres finden in deutschen Städten so genannte „Hygienedemos“ statt, mit teilweise bis zu 30.000 Teilnehmer*innen. Berlin, Stuttgart, Hannover, Leipzig – in vielen Städten regen sich „Bewegungen“ mit sehr skurrilen Namen und noch diffuseren Teilnehmer*innen. „Querdenken 711“ (Stuttgart), „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand (KDW)“ (Berlin), „Wir wachen auf“ (Hannover) und „Bewegung Leipzig“, um nur einige von ihnen zu nennen. Nach eigenen Aussagen seien sie keine Demo, sie gehen spazieren. Klar! Es kann ja schon mal vorkommen, dass sich 3000 Menschen vor dem Berliner Bundestag, rein zufällig natürlich, beim täglichen Abendspaziergang treffen.

Anmaßend wäre natürlich zu behaupten, sie würden ihre bei Telegram organisierten und sogar per Flyer beworbenen Veranstaltungen bei denen sie ihr, auf der Buchmesse als Goodie bekommenes, Grundgesetz spazieren tragen, einfach nur nicht als Demo anmelden, weil dann die 2020 erlassenen Vorschriften zu Großveranstaltungen (u.A. auch Demonstrationen), welche zum Schutze der Bevölkerung dienen und die weitere Ausbreitung von Covid-19 verhindern sollen, geltend gemacht würden und ihre Handlungen schlicht strafbar wären.

Während also der Großteil der Bevölkerung zu Hause blieb, soziale Kontakte einschränkte, Kinder selbst beschulte, kleine Geschäft am Rande ihrer Existenz bangten und fast alle hofften, dass die Infektionsrate nicht weiter ansteigt, spazieren Schwurbler durch Innenstädte, dicht an dicht, ohne Schutzmasken und beschweren sich, dass die Grippe ja schließlich genauso tödlich sei und warum die anderen Menschen denn alles über sich ergehen ließen.

Die in Deutschland recht gering gehaltene Infektionsrate führte schnell zu der Annahme, dass es wohl eine Gemeinheit der Regierungen und Bill Gates sein müsse, ein gut platzierter und frühzeitiger „lockdown“ kam als Lösung selbstverständlich nicht in Frage – das wäre ja auch zu einfach. Vor Allem die über 70 Tausend Genesungen führten zu dem Schluss, dass es wohl doch einfach nur Quatsch sei und auch die (bedauerlicher Weise) ca. 8.853 Todesfälle konnten dem keinen Einhalt gebieten. Um sich gut vor „Corona“ zu schützen hilft die Maske nicht, viel besser ist es seinen Personalausweis in die Mikrowelle zu legen um den Chip zu zerstören mit dem all die scheinbar so interessanten Leben abgehört würden.

Personen des öffentlichen Lebens wie, der für seine veganen Rezepte und Lebensmittel bekannte Koch, Attila Hildmann; der bereits zuvor als Reichsbürger bekannte Sänger Xavier Naidoo; oder auch, der von seiner, durch antisemitische Aussagen, gescheiterten Karriere als Fernseh- und Radiomoderator frustrierte, Ken Jebsen lassen es sich nicht nehmen als Gesichter dieser „Bewegung“ zu fungieren und sie täglich mit Verschwörungstheorien anzufeuern, sowie den öffentlichen Hype ihrer Personen abzugreifen. Es gründet sich sogar eine „Mitmach-Partei“ (in „“ daher, da sie bis heute nicht legitimiert wurde) namens „Widerstand 2020“, welche öffentlich propagierte bereits nach einer Woche über 100 Tausend Mitglieder zu haben, welche das Grundgesetz neu schreiben und die Demokratie umwälzen wöllten. Leider hatten sie die Mitgliederzahlen mit den Besucher*innen ihrer Homepage verwechselt, welche dort automatisch als solche aufgezählt wurden. Bis heute zählen sie ganze 34 Mitglieder, 2 von 3 Gründer*innen sind allerdings bereits wieder ausgetreten – naja, kann ja mal passieren.

Bei all der Polemik darf allerdings nicht vergessen werden, welche Dynamik hinter solchen Auftritten steckt. Politische Auftritte mit einer so großen Offenheit der Thematik, einfach mal gegen alles zu sein, bieten eine super Fläche für rechte Akteur*innen. Es werden Reichskriegsflaggen geschwenkt und bekannte Neonazis mischen sich dort unter die Teilnehmenden. Selbst Parteien wie die AfD sehen „Widerstand 2020“ als Konkurrenz an, da sie, ohne konstruktive Lösungen, keinen Stich in Zeiten einer Pandemie sehen. Bei einem Problem, welches jeden Menschen betrifft, unabhängig von Merkmalen wie Herkunft oder Religion z.B., scheint es wenige Minderheiten zu geben, die sich gut gegeneinander ausspielen lassen.

Und All das, all die Verschwörungstheorien, die antisemitischen Aussagen, die rassistische Hetze, das unsolidarische Verhalten, wäre wohl nicht so gefährlich, wenn man* wüsste was der konstruktivste Umgang damit wäre. Gegenproteste in großer Zahl sind ebenso unsolidarisch wie ihre Spaziergänge, Debatten über Inhalte prallen an Aluhüten ab und alles was nicht in ihre Ideologien passt, wird als naiv, dumm oder einfach falsch angesehen. „Du musst erst noch aufwachen“; „Du wirst das schon noch verstehen irgendwann“, … machen jede Form der Intervention unmöglich. Sie hängen sich Kugeln aus Alufolie an ihre Sachen und nennen es „Querdenker-Bommel“, jede Form der öffentlichen Kritik wird als „vom Staat gekauft“ abgewimmelt, antifaschistische Gegenargumente als Terror propagiert. Alles in diesen Gruppen wird toleriert, um sich bloß nicht „spalten“ zu lassen. Schließlich sind wir ja alle Menschen und deshalb ist es in Ordnung den Holocaust zu leugnen, Angela Merkel als Reptiloidin zu bezeichnen und sich 1933 zurück zu wünschen – außer natürlich du bist nicht ihrer Meinung.

Keine Frage, wir leben gerade in wilden Zeiten, alles ist etwas bizarr und Menschen kommen an ihre Grenzen. Und sicherlich, nicht jede*r Teilnehmer*in bei diesen Veranstaltungen ist rechts, oder möchte diskriminieren. Werte, wie die Inhalte des Grundgesetzes zu schützen und darauf aufmerksam zu machen, dass diese auch in Zeiten einer Pandemie nicht außer Kraft gesetzt werden dürfen, ist gut und wichtig. Allerdings ist dies keine Ausrede für Blindheit, Verschwörungen, diffuse Diskriminierungen oder gar die Relativierung einer tödlichen Infektion. Grundrechte sind unantastbar und sollten trotz dessen stets im Kontext von Gesellschaft gelesen werden. Schön, dich engt die Maske ein und du findest es nervig sie tragen zu müssen, denn es sei ja auch langsam mal wieder gut? – Ja, ich finde es auch nervig, dass du mir ins Gesicht hustest und damit mein Leben und das meiner Mitmenschen gefährdest und somit deutlich stärker in mein Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit eingreifst, als es eine Maske oder ein geschlossenes Autohaus es je könnten.

Aluhüte mögen vielleicht vor eurer Mikrowelle oder den ferngesteuerten Robotern, allgemein als Tauben bekannt, schützen. Für ihre Standfestigkeit sind sie jedoch leider nicht bekannt. Gleiches gilt wohl auch für die Stabilität der Meinungen ihrer Besitzer.

Es bleibt also aufmerksam abzuwarten, welches Geheimnis in den kommenden Tagen über das Schaffen der Reptiloiden noch gelüftet werden wird und stets zu erinnern, diese „Bewegungen“ nicht in ihrer Dynamik zu unterschätzen.

– Saerra

*Ein kleiner Hinweis: Dieser Text bedient sich vieler sarkastischer und polemischer Stilmittel in seinen Aussagen, diese werden von Alufolie mitunter falsch gefiltert.

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